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3 Generationen in Wahat al-Salam/Neve Shalom

Dienstag 17. Dezember 2013, von C&D Office, Christina Valentin

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Wahat al -Salam/Neve Shalom ist heute ein Mehr-Generationen-Dorf. Hier erzählen wir die bemerkenswerten Geschichten von Ety Edlund, die zusammen mit Abdessalam Najjar die Grundschule gründete, von Tom Edlund, der im ersten Jahr des Bestehens der Schule einer der ersten Schüler war, von Toms Frau Keren und ihrer Tochter Elenora, welche nun in die erste Klasse geht.

Ety und Kent Edlund traten in den frühen 1980er Jahren der Gemeinde bei. Ety kam aus Israel, Kent ursprünglich aus Schweden. Der Umzug nach WAS-NS erfolgte mit ihren drei Kindern, und die Familie gehörte zu den ersten Familien im Dorf - in den ersten Jahren lebten sie, angemessen Kents Herkunft, in einem schwedischen Holzbungalow.

Ety und Kents Geschichte wurde vor kurzem in einem Artikel in einer schwedischen Zeitschrift erzählt. Während ihrer Arbeit im Dorf verfasste Ety viele Schultexte, Artikel für WAS-NS, Publikationen und Beiträge für die Webseite. Heute schreibt sie unter anderem Texte für Kinder.

Unser Praktikant, Glenn Chon, interviewte Ety über ihr Leben und ihre Arbeiten im Dorf, und eine andere Praktikantin, Christina Valentin, schrieb über Tom und Keren und ihre kleinen Kinder.

Ety
Geschrieben von Glenn:

Warum hast du dich entschieden, in WAS-NS zu leben?

Es war gar nicht meine Entscheidung. Mein Ehemann hatte mir versprochen, dass wir nach Israel ziehen werden, obwohl er lieber in Schweden gelebt hätte.
Er las einen Artikel über WAS-NS in einer schwedischen Zeitung und ohne mich zu fragen kontaktierte er den Herausgeber, um mehr über das Dorf zu erfahren.
Nach zwei Monaten meldete man sich bei ihm und er erfuhr, dass das Dorf zwischen Tel Aviv und Jerusalem lag. Mein Mann bat mich also, bei meinem nächsten Israel-Aufenthalt nach WAS-NS zu fahren und mich umzuschauen.
Als ich dann in Israel war, wurde mir von meinen Freunden und Verwandten abgeraten, hierher zu ziehen. Sie sagten, es sei ein sterbendes Dorf und so weiter, aber meinem Mann gefiehl die Idee und ich wollte ihm einen weiteren Grund geben, mit mir nach Israel zu gehen. Wir hätten sogar einen Platz im nahegelegenen Kibbutz Nachschon gehabt, aber mein Mann bestand darauf, nach WAS-NS zu ziehen. Sobald wir mit dem Aufbau der Schule starteten, fühlte ich mich mit dem Dorf sehr verbunden.

Weshalb hast du, gemeinsam mit Abdessalm Najjar, eine Schule in WAS-NS eröffnet?

Als wir nach Neve Shalom/Wahat al-Salam kamen, war unser ältester Sohn gerade im richtigen Alter, um in die Schule zu gehen. WAS-NS war noch im Entstehen, aber es gab keine Schule und ich fand es komisch, dass unsere Kinder zwar gemeinsam aufwachsen, aber durch das getrennte Schulsystem in Israel nicht gemeinsam unterrichtet werden sollten. Während meiner Zeit als Oberschullehrerin wurde ich von einer schwedischen Zeitung interviewt, und ich wurde wie folgt zitiert: “Ich habe den Traum, eine jüdisch-palästinensische Schule zu errichten”. Das war im Juli 1983.
Im September 1984 starteten Abdessalm, der ähnliche Träume als ich hatte, Schritt für Schritt in das Abenteuer.

Warum hat man sich entschlossen, das Dorf für Schüler von außerhalb zu öffnen?

Im ersten Schuljahr besuchten elf Kinder die Schule, von denen drei meine eigenen waren. Aber wir wollten nicht, dass die Schule nur für die Kinder aus dem Dorf zugänglich ist. Wir wollten, dass die Schule einen Einfluss auf die Gesellschaft hat. Wir wussten, wenn wir unsere Kinder dazu erziehen, anders zu denken, ihre eigene Identität zu verstehen und den Unterschied zu den anderen Kindern zu akzeptieren, würde dies auch Einfluss nehmen auf die Eltern und Familien der Kinder. Also begannen wir langsam, auch Kinder von außerhalb aufzunehmen. Heute besuchen viele Kinder aus anderen Dörfern und Städten unsere Schule.

Glaubst du, dass die Kinder, nachdem sie an dieser Schule unterrichtet wurden, am Ende andere Entscheidungen treffen und andere Gedanken haben?

Die Schule war für mich sehr wichtig. Es war mir von großer Bedeutung, dass die Kinder gerne in die Schule kamen. Es war meine Aufgabe, den Lehrplan kreativ auszuarbeiten. Ich wollte, dass die Kinder lernen, für sich selber zu denken, anstatt Dinge nur auswendig zu lernen.
Es war mir wichtig, dass die Kinder auch mitentscheiden konnten. Das Zusammentreffen und das Zusammenleben mit jüdischen und arabischen Kindern war eine Erfahrung und ein Wert, der nur hier in der Umgebung zu erwirken war.

Nun besucht tatsächlich schon deine Enkelin Elenora die Schule.

Ich bin sehr aufgeregt und es freut mich sehr. Elenora ist das erste Kind eines Kindes, welches von der ersten Klasse an in WAS-NS unterrichtet wurde. Es ist spannend, da ich selbst die Lehrerin meines Sohnen war, und Elenora durch ihre Schullaufbahn zu begleiten, ist etwas ganz besonderes.

Gibt es noch etwas, dass du gerne erwähnen möchtest?

Im Laufe der Jahre habe ich von manchen Eltern gehört, dass sie unzufrieden mit der Schule sind. Ich denke jedoch, so lange die Kinder nicht leiden, eine gute Zeit haben beim Lernen haben, mit Sprachen vertraut gemacht werden und lernen, das Anderssein der Menschen zu akzeptieren, leistet die Schule sehr gute Arbeit. Ich freue mich sagen zu können, dass mein Sohn der selben Meinung ist, und es ist eine Freude, meine Enkelin in dieser Schule zu wissen. Die Werte, die diese Schule unseren Kindern vermitteln will, sind genauso, wenn nicht mehr, wichtig als die normalen Fächer, die sowieso überall gelehrt werden. Es sind Wert, die sie ihr ganzes Leben lang behalten werden.

Tom und Keren
Geschrieben von Christina:

Tom Edlund, der Sohn von Ety (aus Israel) und Kent (aus Schweden) wurde in Israel geboren. Er wuchs hauptsächlich in WAS-NS auf, verbrachte jedoch viele Sommer seiner Kindheit in Schweden.

Keren,Tochter einer jüdischen Familie von jemenitischer Herkunft, wuchs in einer Moshav in Israel, nur einen Katzensprung entfernt von WAS-NS, auf. Trotzdem trafen sich die beiden erst 1997 – einen Monat bevor Tom nach Schweden aufbrach, um an der Universität Gothenburg Angewandte Physik zu studieren.

Seine Reise dorthin war ziemlich unkonventionell: Tom flog nach Rom, und von dort fuhr er mit dem Fahrrad nach Schweden. Auf seiner Reise durch Europa besuchte er viele Freunde – die meisten von ihnen waren ehemalige Freiwillige in WAS-NS, mit denen Tom in Kontakt blieb.

Während Tom in Schweden studierte, besuchte Keren die Hebrew University in Jerusalem, um Rechtswissenschaften zu studieren. Für 4 Jahre pflegten die beiden eine Fernbeziehung, in einer Zeit ohne Skype und Facebook. Tom und Keren schrieben sich Briefe, telefonierten einmal die Woche (Tom rief aus einer Telefonzelle an) und man sah sich während den Ferien.

Im Jahr 2001 wurde Tom die Gelegenheit geboten, für ein Jahr als Austauschstudent in Australien zu studieren. Tom erhielt ein Stipendium von einer schwedischen Firma, bei der er teilzeitbeschäftigt war. Keren entschloss sich kurzerhand, Tom nach Australien zu folgen.

Nach der Rückkehr aus Australien arbeitete Tom wieder für die selbe Firma in Schweden. “Damals wollte ich unter keinen Umständen in Israel leben”. Keren lächelt und sagt, dass Tom eigentlich viel mehr ein Schwede als ein Israeli sei. Also ging sie damals mit ihm nach Schweden, begann ein zweites Jura-Studium in Stockholm und zog nach einem Jahr zu Tom nach Gothenburg. Im Sommer 2004 heiratete das Paar, zuerst in Schweden und dann in Israel, in einer traditionellen jüdisch-jemenitischen Zeremonie.

Nachdem ihre erste Tocher Elenora geboren wurde, wurde der Gedanke an die fehlenden Großeltern in Keren immer stärker. Keren dachte sich, wie schön es wäre, wenn ihre und Toms Eltern in der Nähe wären und sie hatte das Gefühl, dass etwas wichtiges im Leben ihrer Tochter fehlte. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes, Emri, entschlossen sich Tom und Keren, nach Israel zu gehen. Geplant war eigentlich, nach einem Jahr wieder nach Schweden zurückzukehren, deshalb brachten die beiden auch nur Bücher, Spielzeug und Kleidung, während sie alles andere zurückließen.

Nachdem das Jahr zu Ende war, beschlossen sie, zu bleiben.Die beiden genossen die Nähe zu den Großeltern und fühlten sich in WAS-NS sehr wohl. Tom sagt, dass die Gemeinde der einzige Ort in Israel war, an dem er sich vorstellen konnte, zu leben. Auch Keren ist glücklich hier, sie kennt das Dorf durch Tom schon sehr lange und sie genießt es, ihre eigene Familie so nahe bei sich zu haben.

Wenn Tom von seiner Kindheit und den Schuljahren in NSWAS spricht, lächelt er sehr viel. Er war einer der ersten Schüler, als die Schule ihre Pforten öffnete (1984). Von den dutzend Schülerinnen und Schülern in diesem ersten Jahr machten die drei Edlund-Kinder einen erheblichen Anteil aus.

Das Lehrerteam bestand aus Abdessalam und Toms Mutter Ety. Tom hat nur gute Erinnerungen aus dieser Zeit. Obwohl seine Mutter auch gleichzeitig seine Lehrerin war, kann Tom sich nicht an ein einziges Problem durch diese Situation erinnern.

In den frühen Jahren wurde in der Schule mit offenen Lehrmethoden unterrichtet und die Kinder besuchten jahrgangsgemischte Klassen.
Tom kann sich daran erinnern, wie die Kinder selbst Inhalte für ihr Eigenstudium wählten. “Wenn man sich zum Beispiel für Vögel interessierte, arbeitete man selbst an diesem Thema, und die Lehrer standen begleitend zur Seite. Am Ende hatte man eine dicke Mappe, in der man alle Information gesammelt aufbewahrte, und diese Informationen wurden dann an die Klasse weitergeben und die jeweilige Arbeit präsentiert.”

Manchmal wurde die Klasse für bestimmte Fächer aufgeteilt, etwa in Mathematik, aber die meiste Zeit lernte man als Klasse gemeinsam, trotz der verschiedenen Sprachen und dem Altersunterschied.

Tom kann sich noch sehr gut daran erinnern, wie viel Wert sein Lehrer Abdessalam (Allah irhamo/R.I.P) auf eine schöne Handschrift der Kinder in Arabisch legte. Er war sehr stolz auf Tom, denn dieser konnte wunderschön Arabisch schreiben.
Aber auch die tollen Englischstunden mit Bob (der oft seine Gitarre brachte und mit den Kindern amerikanische Volkslieder sang) und die Mathematikstunden mit Koby (Koby brachte den Kindern erweiterte Mathematik bei, wie zum Beispiel das Zählen in Basen) sind ihm in sehr guter Erinnerung geblieben.

Toms Mutter Ety lehrte den Kindern unter anderem auch, wie man mit Computern umgeht – damals noch alte Commodore 64 – Geräte. Der Umgang mit Computern war damals auch noch für seine Mutter neu, weshalb sie selber zuhause sehr viel lernen musste. Tom war dabei oft an ihrer Seite und sah ihr zu, und am nächsten Tag wurde die Stunde in der Schule für alle abgehalten.

Religiöse Festtage spielen eine sehr große Rolle im Schulalltag und wurden oft mit Theaterstücken und Aufführungen gefeiert.

Noch heute kann sich Tom sehr gut an die Pausen erinnern. Die Kinder verbrachten sehr viel Zeit im Freien und bauten Häuser aus Stein und Lehm. Manchmal suchten sie auch glänzende, flache Steine und spielten damit stundenlang “Geld”.
Außerdem hatten die Kinder die Idee, Basketballturniere abzuhalten. Dabei spielte die ganze Klasse gegen einen Elternteil. Die Kinder nahmen diese Turniere äußerst ernst und probten sehr viel und voller Eifer.

In den Tagen als Tom noch die Schule besuchte, kamen all seine Klassenkameraden aus dem Dorf. Deshalb waren sich seine Mitschüler und er nie wirklich bewusst, dass sie “unterschiedlich” waren. Sie dachten, dass Kinder im ganzen Land zusammen unterrichtet werden und gemeinsam aufwachsen. Jetzt, wo seine eigene Tochter in die selbe Schule geht erkennt Tom, dass dies heute nicht mehr so ist. Die Kinder sind sich heute sehr wohl bewusst, dass ihre Schule einzigartig ist, da der Großteil von ihnen von außerhalb kommt.

Durch das Aufwachsen in Wahat al-Salam/Neve Shalom betrachtet Tom den Konflikt in seinem Land mit sehr viel Feinfühligkeit und durch den Besuch der Schule ist er sehr offen gegenüber anderen Kulturen und verschiedenen Traditionen.

Tom erzählt auch, was aus einigen seiner ehemaligen Schulkameraden wurde, von denen sich viele aktiv für soziale Veränderung und für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzen. Zwei seiner Mitschüler sind heute Ärzte, einer davon in der Organisation “Physicians for Human Rights”.

Neben seinem Job als ein leitender Softwareentwickler in einer Firma in der Nähe von Modi’in arbeitet Tom auch noch intensiv an einem Berufsvorbereitungskurs für äthiopische Immigranten, welcher im nahegelegenen Kibbutz Nachschon abgehalten wird. Die Teilnehmer erlernen Computerkenntnisse, die in der israelischen High-Tech Industrie gefragt sind, und werden auf Jobinterviews etc. vorbereitet.

Sowohl Keren als auch Tom haben sehr klare Vorstellung darüber, welche Werte sie ihren Kindern durch das Aufwachsen und die Erziehung in WAS-NS mitgeben möchten.
“Ich möchte, dass sie Personen als Personen sehen und nicht als einen Teil einer Gruppe, der sie angehören”, sagt Tom.
“Ich hoffe, dass sie später im Leben die richtigen Entscheidungen treffen können. Ich denke, WAS-NS ist ein sehr guter Ort, um ihnen dabei zu helfen”, meint Keren. “Ich wünsche mir, dass sie ein gutes Selbstvertrauen erhalten und dass sie für das, was ihnen wichtig, gerade stehen können”.

Wenn Keren und Tom mit Personen von außerhalb über ihr Zuhause sprechen, bekommen sie viele verschiedene Reaktionen. Keren jedoch sagt, dass eine Frage, nämlich: ”Wie ist es, mit Arabern zu leben?”, am Ende meistens gestellt wird.
Keren beantwortet diese Frage immer mit: ”Es ist einfach ganz normal.”

“Ich verstehe auf der einen Seite, warum mir die Leute diese Frage stellen, denn Personen, die nicht von hier sind, haben oft keine Vorstellung über das Zusammenleben von Arabern und Juden. Aber trotzdem finde ich es traurig, dass diese Frage immer aufkommt – ich wünscht mir, es wäre überall normal.”

Elenora
Geschrieben von Christina

Elenora ist die Tochter von Keren und Tom. Ich traf sie in der Schule und konnte sofort sehen, wie glücklich sie dort ist und wie gut es ihr geht. Ich habe mich mit ihr und ihrer Lehrerin Yasmin zusammengesetzt und eine Weile über die Schule und ihre Freizeit gesprochen.

Elenora erzählte mir, dass sie sehr gerne in die Schule geht. Sie liebt die Lehrer und sie hat viele Freunde. Ihre Lieblingsfächer sind Arabisch und Mathematik. Wenn sie nicht in der Schule ist, hat sie drei Hobbies: singen, tanzen und Halsketten basteln.

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