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No. 20

März 2002, von Evi Guggenheim Shbeta

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Liebe Freunde, liebe Freundinnen in der Schweiz,

Jeden Tag hört Ihr in den Nachrichten über blutige Auseinandersetzungen zwischen Juden und Palästinensern in Israel/Palästina. Die Spirale der Gewalt dreht sich immer schneller und die Extremisten auf beiden Seiten nähren sich gegenseitig. In Israel lebt man in einer ständigen Angst vor Bombenattentaten, in der Palästinensischen Autonomie ist ein normaler Alltag schon lange nicht mehr möglich. Die Kluft zwischen der jüdischen und der palästinensischen Bevölkerung innerhalb von Israel ist in diesen zwei Jahren der zweiten Intifahda bedeutend gewachsen.

Sicher habt Ihr Euch in all dieser Zeit öfters gefragt, wie es wohl Eurem Neve Shalom/Wahat Al Salam geht; wenn man nämlich mit täglichen furchtbaren Nachrichten aus unserer Region überhäuft wird, kann man sich kaum mehr vorstellen, dass es eben doch einen Ort wie unser NS/WS gibt, wo Juden und Palästinenser immer noch in Frieden zusammenleben und wo an jedem Tag über 300 jüdische und palästinensische Kinder gemeinsam die Schulbank drücken.

Leider sind wir in diesen Tagen zu „News" geworden und nicht mehr zu einem selbstverständlichen Alltag, wie unser Zusammenleben von uns in NS/WS erlebt wird. Trotz der schwierigen politischen Situation werden bei uns die gemeinsamen Dorfaktivitäten weitergeführt. So versammelten sich z.B. am 8.März alle Frauen von NS/WS zusammen mit ihren Familien, um bei einem gemeinsamen Nachtessen in einer gemütlichen und schwesterlichen Atmosphäre den Internationalen Frauentag zu feiern.

Einige Tage später organisierte unsere Primarschule ein sehr eindrückliches Ereignis, einen gemeinsamen Abend mit einer Ausstellung über drei Feiertage unserer drei Religionen: das Islamische Neujahrsfest; die christlichen Ostern und das jüdische Pessachfest.

Ich möchte mit Euch die eröffnenden Worte Dianas, der palästinensischen Schulleiterin, teilen: „Wir, das Schulteam sassen zusammen und wiegten ab: Können wir uns erlauben, eine Ausstellung über die Feiertage unserer drei Religionen zu organisieren, während um uns herum vieles zerstört wird?

Und wir antworteten uns selbst: JA! Um unsere geistige Gesundheit zu erhalten, für unsere liebeswürdigen Kinder, welche täglich zu uns in die Schule kommen, um der lobenswerten Eltern willen, welche uns treu bleiben in diesen schwierigen Zeiten, und nicht zuletzt für uns, das Lehrerteam, um unseren gesunden Menschenverstand zu erhalten, wir, die wir Empowerment und positive Energien so nötig brauchen, damit wir die Kraft bekommen, auf unserem Weg und mit unserer Botschaft weiterzumachen.

Und so entstand eine wunderschöne Ausstellung über die drei Feiertage, welche die Schüler und das Lehrerteam während Wochen vorbereitet hatten. Es war rührend zu beobachten, wie die Kinder ihre Eltern anhand der verschiedenen Stände in die jeweils andere Religion und Kultur einführten.

Wenn auch die gute und friedliche Atmosphäre zwischen Juden und Palästinensern vorherrscht, gibt es auch bei uns ab und zu Spannungen. Ich kann Euch ein Beispiel dafür geben: Vor ca. drei Wochen hat die palästinensische Bevölkerung Israels zu einem Solidaritätsstreik mit den Palästinensern in den autonomen und besetzten Gebieten aufgerufen. Nach kurzer Beratung entschloss sich das Elternkomitee der Primarschule, sich dem Streikaufruf anzuschliessen. Dies löste bei einem Teil der jüdischen Eltern ausserhalb Neve Shaloms Widerstand aus, mit dem Argument, sie würden ihre Kinder nicht in eine arabische, sondern in eine gemeinsame Schule schicken. Die Schulleitung, das Sekretariat von NS/WS und das Elternkomitee beschlossen wie immer bei Spannungen, zu einem gemeinsamen Gespräch einzuladen. Und so kamen letzte Woche über 50 palästinensische und jüdische Eltern in NS/WS zusammen, um sich ihre Gefühle und Standpunkte mitzuteilen und sich gegenseitig zuzuhören. Zu einem einstimmigen Konsensus kann es in dieser schwierigen Situation, wo Gefühle und Identifikationen so auseinandergehen, wohl kaum kommen. Jedoch haben wir einmal mehr bewiesen, dass unser Modell des „in Frieden leben" manchmal bedeutet, einverstanden zu sein, nicht einverstanden zu sein oder eben sich ständig mit dem Konflikt auseinander zu setzen. Auf diese Weise haben wir wieder einmal vorgelebt, wie man friedlich mit Konflikten umgehen kann.

In einer ganzjährigen, vergleichenden Studie von Dr. Bar-Shalom, Universität von Tel Aviv, wird die Primarschule von NS/WS so zusammengefasst: „Diese Schule sollte ein Modell für das ganze Erziehungssystem darstellen, nicht nur auf nationalem, sondern sogar auf internationalem Standard."

Aus unserer Friedensschule habe ich gute Nachrichten: Nach langer Arbeit ist unser Buch: „Identitהten im Dialog" nun auch auf Deutsch erschienen und kann im Buchhandel oder direkt bei mir bezogen werden. In diesem Buch wird die langjährig bei uns entwickelte Methodik des Konfliktmanagements bzw. der Friedenspädagogik beschrieben.

Ausserdem hat Grace Feuerverger, Professorin an der Universität Toronto ihre neunjährige Studie der Friedenspädagogik an unserer Friedensschule in einem Buch veröffentlicht: „Oasis of Dreams – Teaching and Learning in a Jewish-Palestinian Village in Israel", New York 2001. Das Buch hat ausgezeichnete Kritiken bekommen und kann über www.amazon.ch bezogen werden.

Die Arbeit der Friedensschule ist in diesen Tagen der zweiten Intifahda sehr erschwert. Obwohl eine grundsätzliche Bereitschaft beider Seiten für die Fortsetzung des Dialogs besteht, wurden doch einige Workshops im letzten Moment abgesagt, wenn es kurz davor ein Selbstmordattentat oder eine Aktion der israelischen Armee in Flüchtlingslagern gab. Dennoch finden auch neue Aktivitäten statt wie z. B. ein Frauenjahreskurs der Ausbildung zur Friedenspädagogik für jüdische und palästinensische Sozialarbeiterinnen und Pädagoginnen in Jaffa. Wir haben schon in anderen akuten Krisenzeiten die Erfahrung gemacht, dass wir unsere Methodik an die Situation anpassen müssen. So führen wir in dieser Zeit vermehrt uninationale Arbeit durch, bei der auch eine schwarz-weiss Malerei der jeweils anderen Seite vermindert wird.

Das schwierigste Unternehmen in dieser Zeit sind Workshops zwischen Palästinensern aus den autonomen Gebieten und Israelis, da es für die Palästinenser wegen den israelischen Absperrungen praktisch unmצglich geworden ist, nach NS/WS zu kommen. Trotzdem haben wir im Dezember den ersten Teil eines Ausbildungskurses zur Friedenspädagogik für palästinensische und israelische Studenten durchgeführt, jedoch wegen den bestehenden Schwierigkeiten in Zypern.

Die Situation in Israel/Palästina scheint in diesen Tagen der anhaltenden Gewaltspirale für uns, die mitten drin stecken, und auch für den äusseren Beobachter ziemlich verfahren. In unserer Friedensschule können wir bei jedem Inter-Group Encounter (Begegnungen zwischen Gruppen) zwischen Juden und Arabern fünf verschiedene Phasen beobachten: Nachdem in der ersten Phase die Juden einen liberalen Standpunkt vertreten und den Arabern, die ihre Diskrimination ziemlich einstimmig vorbringen, recht geben, dass diese bekämpft werden müsse, gewinnen die Araber in der zweiten Phase an Kraft und werden bestimmter in ihren politischen Argumenten. Die jüdische Seite erlebt diesen Prozess des Empowerments der Araber als Bedrohung und vereint sich als Gruppe, um der Bedrohung zu begegnen. In der dritten Phase sucht die jüdische Gruppe ihre verlorene Macht wiederherzustellen, nachdem sie in der vorherigen Phase in eine defensive Position gedrängt worden war. Sich in einer politischen Diskussion unbequem fühlend, bringen sie die Agenda auf ein Gespräch über Werte und Moral, wobei sie die moralischen Werte der Araber in Frage stellen. Die vierte Phase nennen wir die Blockierungs- oder Stillstandsphase, in der jede Seite sich in ihrem Standpunkt festnagelt. Dies ist der aggressivste Teil der Begegnung, die Stimmung ist gespannt, die Wut und Frustration auf beiden Seiten sehr gross, die Diskussion kann sehr laut werden. Solange die Araber sich in den vorherigen Phasen der Definition „Israelischer Araber" fügten, wurden sie von der jüdischen Gruppe mit offenen Armen willkommen geheissen, sobald sich die Araber jedoch als der palästinensischer Nationalität zugehörig identifizieren, wird dies von der jüdischen Gruppe als Bedrohung empfunden. Die Blockierung kann sich erst zu lösen, wenn die jüdische Gruppe beginnt, die palästinensische Gruppe als nationale Gruppe, welcher ein historisches Unrecht angetan wurde, anzuerkennen. Dann kann die Begegnung in ihre fünfte Phase, die Phase des anderen Dialogs, eintreten. In dieser Phase werden die meisten Punkte, die in der ersten Phase der Begegnung angesprochen wurden, wieder aufgenommen, jedoch der Dialog ist ein anderer, ein viel offener, der auf einer gegenseitiger Anerkennung beruht. Die Palästinenser haben weniger wie in den vorgehenden Phasen das Bedürfnis, gegenüber den Juden als einheitliche Front zu erscheinen. Die Gruppe ist aus der Phase der zwei Fronten-Begegnung in die Phase des echten Dialogs übergegangen.

Wenn diese Phasen in jeder jüdisch-arabischen Gruppenbegegnung zu erkennen sind, kann man vielleicht zu dem jüdisch-palästinensischen Konfliktprozess eine Parallele ziehen. Den ganzen Parallelprozess zu analysieren, ginge hier zu weit (mehr darüber: Webseite: www.nswas.com, Artikel von Rabach Halabi „Arab Jewish relations since the Intifahda"), jedoch können wir erkennen, dass wir uns jetzt in der vierten Phase befinden, in der Phase, in der sich jede Seite in diesem Machtkampf auf ihre Position verhärtet, in der die Aggression sehr gross ist und die ganze Situation blockiert und hoffnungslos erscheint. Ich denke, dass auch in der israelisch-palästinensischen Wirklichkeit erst ein anderer Dialog entstehen kann, wenn eine echte Anerkennung des historischen Unrechts an den Palästinensern erfolgt ist. Dann wird auch ein echter Dialog auf gleicher Augenhöhe und mit echtem gegenseitigem Respekt stattfinden können.

Einige von Euch haben vor ein paar Jahren sehr grosszügig speziell für unseren Landerwerb Geld gespendet. Vor ca. einem Jahr konnte ich Euch berichten, dass wir das Land, auf dem NS/WS liegt, zu sehr günstigen Bedingungen vom Kloster Latrun erhalten konnten. Das ganze Geld, das Ihr damals gespendet habt, wurde für diese Transaktion gebraucht. Vielen Dank, dass Ihr uns geholfen habt, auf diesem Weg unsere Zukunft zu sichern.

Ihr wisst, dass ich im Moment in Zürich stationiert bin, um die Arbeit von NS/WS von hier aus zu fördern. Viele von Euch haben unserer Bitte um Hilfe bei dieser Arbeit Folge geleistet und mir zum Teil zu wichtigen Kontakten verholfen. Jeder von Euch könnte für mich Türöffner sein bei Institutionen, die unsere heute noch wichtiger gewordene Friedensarbeit fördern könnten. Solche Institutionen sind Kirchgemeinden, kirchliche Hilfsorganisationen, politische Gemeinden (deren Finanzvorstände), Stiftungen, Hilfeorganisationen, verschiedene Konzerne, Banken, potentielle Privatspender oder die Medien.

Ich danke Euch im voraus für Eure uns so wichtige Unterstützung

Schalom, Salam,

Evi.


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