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No. 22

März 2003, von Evi Guggenheim Shbeta

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Liebe FreundInnen in der Schweiz,

Zuerst möchte ich Euch aus einem Brief zitieren, den wir in der Friedensschule von NS/WS vor ein paar Tagen bekommen haben:

„Am letzten Wochenende habe ich an einem Seminar zwischen jüdischen und palästinensischen Studenten in NS/WS teilgenommen. Fast im Untergrund, weit weg von der Armee und seinem Verbündeten, den patriotischen Medien, werden solche Treffen zwischen den beiden Völkern weiterhin durchgeführt. Schwierige Treffen, traurige, ernste, jedoch - wie selten in unserer Zeit- Treffen ohne Gewalt.

Die Palästinenser kamen von Nablus und Ramalla nach stundenlangem Fussmarsch im Versuch die Absperrungen und das Verbot israelisches Gebiet zu betreten, zu umgehen. Am Anfang des Treffens fragte sie ein israelischer Teilnehmer, warum sie sich so angestrengt hätten, sich in Lebensgefahr begeben hätten, nur um mit uns zusammen zu sitzen und mit uns zu reden. Die Palästinenser erklärten, es sei ihnen wichtig zu erzählen, was ihnen und ihrem Volk ergehe und vielleicht würden diese Geschichten über ihr Leben durch uns an die israelische Öffentlichkeit gelangen. Ich schreibe diesen Brief, um diesen Wunsch zu erfüllen. Obwohl es keinen Ersatz für ein wirkliches Treffen mit dem Unrecht und seinen Folgen gibt, ich möchte versuchen, für sie ein Sprechrohr zu sein. Jeder Tag, des dreitägigen Seminars begann mit dem letzten 24 Std.. Am letzten Tag erzählten sie von zwei getöteten palästinensischen Kindern vom Dorf Azun, dem Dorf wo der palästinensische Leiter der Gruppe wohnt…

Einer der palästinensischer Teilnehmer erzählte über eine regnerische Nacht in Ramallah, an welcher die Armeekräfte den Hausbewohnern befahlen, das Haus zu verlassen, um es zu durchsuchen. Dutzende von Frauen, Kindern und ältere Leute standen während Stunden im strömenden Regen, während ihre Wohnungen durchsucht wurden. Als er nach Hause kam fand er heraus, dass ein Portemonnaie mit 1000 Shekel verschwunden war…

Die jungen Palästinenser erzählten auch über die Langeweile, dem Leben unter Ausgehverbot, sie erzählten über die Armut und den Hunger, über das Mittagessen, welches aus einem Glas Tee und einem Stück Brot besteht, über die ständige Todesangst, welche sie täglich begleitet, auf dem Weg zur Universität, an den Absperrungen, auf der Strasse, zu Hause…

Vor Euch der Mund, der so in Stille schreit. Wird er die Ohren und das Herz finden, welche hören?“

Uri Ajalon, Tel Aviv


Uri hat sich verpflichtet, diesen Brief auch in den israelischen Medien zu veröffentlichen.

Viele von Euch sind wahrscheinlich mit den schlimmen Nachrichten aus unserer Gegend schon übersättigt und mögen schon gar nicht mehr hinhören. Im Schatten des Irakkrieges sind die Toten und die Ereignisse in unserem Israel und Palästina auf die inneren Seiten der Medien verdrängt worden. Vielen, denen unsere Gegend am Herzen liegt, verzweifeln anhand der immer weiter eskalierenden Gewalt bei uns und ihrem Gefühl der Hilflosigkeit. Wir Friedensaktivisten in und ausserhalb von NS/WS können und dürfen es uns nicht leisten zu verzweifeln. In einer Zeit, in der man sich weder in Israel, noch in Palästina wegen der anhaltenden Gewalt nicht sicher fühlen kann, ist die Begegnungsarbeit zwischen Juden und Palästinensern nötiger denn je. Ich gebe Euch ein Beispiel von mir: Wenn ich in Israel in einen Bus steige, in ein Kaffee gehe, dann halte ich im ersten Moment instinktiv nach potentiellen Attentätern Ausschau. Dabei ertappe ich mich, dass ich nach arabisch aussehenden jungen Männern suche. Ich, die mit einem palästinensischen Mann verheiratet ist, ich, die sich ihr ganzes Leben für Verständigung zwischen Juden und Palästinensern einsetzt!. Ich schäme mich, im Moment in dem ich mir dessen bewusst werde…Und wenn es mir so ergeht, wie nahe ist der nächste kleine Schritt zu einem rassistischen, diskriminierenden Denken gegenüber den arabischen Bürgern von Israel?!

Die Demokratie in Israel ist in akuter Gefahr. Dies haben wir in der Friedensschule von NS/WS erkannt und arbeiten deshalb intensiver denn je. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, so viele Jugendliche und Erwachsene wie möglich in ein Seminar der Friedensschule zu bringen, um die Komplexität der Situation zu erkennen, zu lernen wie damit umzugehen und um die Schwarz-Weiss-Malerei zu überwinden. So haben wir seit Schuljahresanfang jede Woche (ausser an Feiertagen) mindestens einen Workshop für jüd. und arabische Jugendliche mit ca. je 60 Teilnehmern pro Workshop. Die anderen Aktivitäten wie z.B. die Ausbildungskurse zur Friedenspädagogik oder gemischte Frauenempowermentskurse in Zusammenarbeit mit der Universität von Tel Aviv, die Kurse an den verschiedenen Universitäten etc. werden auch fortgeführt.

Solche Treffen, zwischen Israelis und Palästinensern, wie Uri sie in seinem obigen Brief beschreibt, sind in dieser Zeit wegen der fehlenden Mobilitätsfähigkeit der Palästinenser sehr, sehr schwierig zu organisieren. Dennoch, wir geben nicht auf. Zum Teil werden diese Treffen nach Zypern oder in die Türkei verlegt; solange die Bereitschaft zum Dialog von beiden Seiten besteht, und sie besteht, fühlen wir uns verpflichtet, diese unter unserer professionellen Leitung zu ermöglichen.

Erziehungswesen

„Heute halten wir keine Reden, sondern lassen die ausgestellten Dinge für sich sprechen. Dennoch möchten wir Euch etwas über den Lernprozess, der zu diesem Abend geführt hat erzählen. Dieser war sehr reich, bewegend und erzieherisch für uns alle, Kinder und Erwachsene. Wir hatten die Gelegenheit über unsere und über die Kultur des anderen zu lernen...“ Mit diesen Worten wurde im Dezember die Ausstellung über Ramadan, Weihnachten und Channukah (welche in diesem Jahr sehr nahe aufeinander fielen) die von Schule und Kindergarten vorgestellt wurde eröffnet. Im Rahmen der Ausstellung und den begleitenden Vorstellungen konnten sich die Eltern und Kinder mit den drei Feiertagen und deren Traditionen aus den drei Religionen vertraut machen. So ein interkulturelles und interreligiöses Erlebnis ist wohl ein Anlass, der nur in einer Schule und Kindergarten wie in NS/WS entstehen kann.

Leider hat unser Erziehungswesen sehr viele finanzielle Schwierigkeiten. Die jetzige Regierung nimmt kein Blatt vor den Mund und deren Vertreter in der für uns zuständigen Regionalbehörden haben uns ausdrücklich gesagt, sie würden unsere Schule eigentlich lieber geschlossen sehen. So versuchen sie, wo immer nur möglich, das Reglement so auszulegen, dass uns immer mehr finanzielle Unterstützung vorenthalten wird. Das macht uns leider noch abhängiger von Spenden, wir verzagen jedoch nicht.

Dorfleben

Am 26.Januar wurde in der Geschichte von NS/WS ein weiterer Meilenstein gesetzt. Neun junge Erwachsene der zweiten Generation in NS/WS wurden zur Kandidatur zur Mitgliedschaft in NS/WS aufgenommen und zwei junge Männer, auch Kinder von NS/WS wurden als Mitglieder aufgenommen. Dies bringt uns auf die unglaubliche Zahl von fast hundert Prozent der jungen Generation, die damit ausdrücken, dass sie an den Weg von NS/WS glauben und ihre Zukunft auch in diesem Sinne aufbauen wollen. Als ich jeden einzelnen Namen der erwachsen gewordenen Kinder von NS/WS auf den Stimmzettel mit einem „Ja“ zu Aufnahme schrieb zitterte meine Hand vor freudiger Aufregung. Zur Gründergeneration dieses so besonderen Dorfes gehörend fühlte ich mich auch sehr stolz.

In der gleichen Versammlung wurden auch fünf neue Familien, welche zum Teil schon im Dorf wohnen, zur Kandidatur aufgenommen.

Ihr kennt sicher unsere Doumia, die Euch als runde Kuppel bekannt ist, als Ort des Schweigens, der gemeinsamen Sprache aller Religionen.

In den letzten zwei Jahren bekam Doumia eine weitere Bedeutung: Ausser dem Ort des Schweigens hat sich Doumia zu einem pluralistischen spirituellen Zentrum entwickelt, in dessen Rahmen der spirituelle Aspekt des Konfliktes bearbeitet wird und in dieser Richtung Lösungen sucht. Verschiedenste Veranstaltungen, welche meistens öffentlicher Natur sind, fanden in den letzten Monaten in diesem Rahmen statt. Kurz nach Weihnachten beherbergte NS/WS ein von Tamera, einer Friedensinstitution in Portugal, organisisertes Friedenskonzert mit israelischen (Yair Dalal) und palästinensischen (Samir Makhoul) Musikern. Es herrschte eine ganz besondere Atmosphäre unter den vielen Besuchern, die aus der ganzen Umgebung gekommen waren.

Wir bekommen von der ganzen Welt moralische Unterstützung für unseren Weg. Die wohl prominentesten Besucherinnen in den letzten Monaten waren Jane Fonda und Eve Ensler, welche NS/WS aussuchten um dort ihre Solidarität mit jüdischen und palästinensischen Frauen in ihrer Friedenssuche zu erklären.

Zum Abschluss möchte ich Euch über unser HAP-Projekt (Humanitäre Hilfe für Palästinenser) berichten. Ausser verschiedenen Medizinischen Tagen in den palästinensischen Dörfern der Westbank, an denen unser medizinisches Team Hilfe erteilt und direkte Hilfe mit nötigen Nahrungsmitteln an die palästinensische Bevölkerung, konnten wir Malak helfen. Diejenigen von Euch, die auf meiner elektronischen Mailingliste sind, kennen Malaks Geschichte schon und haben auch bedeutend dazu beigetragen, ihr die nötige medizinische Hilfe zu ermöglichen. Malak ist ein fünfjähriges Mädchen aus Ne’elin neben Ramallah. Durch einen Unfall mit einer Heizung wurden 60% ihres kleinen Körpers verbrannt. Sie wurde zum Krüppel, da sie infolge der Absperrungen nicht zu der nötigen medizinischen Behandlung kam. Bei einem unserer Medizinischen Tage lernte sie unser ärztliches Team kennen. Sie und alle anderen Ärzte, die sie später kennen lernten, waren über ihren Zustand bestürzt und wussten, dass sie mit einer angepassten medizinischen Behandlung wieder gehen könnte. Das Tel Hashomer Spital erklärte sich bereit, Malak zum Selbstkostenpreis zu behandeln und so machten wir uns mit vereinten Kräften überall wo wir Freundschaftsorganisationen haben auf die Suche nach der benötigten Summe zur Behandlung, welche wir erst kürzlich auch erreichten.
Unterdessen wurde Malak schon zwei Mal operiert. Sie erholt sich gerade von ihrer Zweiten Operation. Das HAP-Team begleitet Malak und seine Familie auf diesem langen Weg. Ein palästinensisches Mädchen in jüdischer Begleitung ist in einem israelischen Spital etwas Ungewöhnliches. Als einer der behandelnden Spitalärzte danach fragte und von Malaks Begleitern von unserer Arbeit erfuhr, war er davon so bewegt, dass er auch mithelfen wollte, was er dann auch wirklich beim der nächsten Medizinischen Tag tat.

Und jetzt noch eine Nachricht aus Zürich: am 6.3.03 fand im Grossmünster ein „Concert for Peace“ (mit Kollekte für NS/WS) statt. Die Ref. Ev. und die Katholische Kirche des Kanton Zürich, die Jüdischen Gemeinden ICZ und Or Chadasch wie auch die Vereinigten Islamischen Gemeinden unter dem Patronat des Zürcher Stadtrates hatten dazu eingeladen. Diese gemeinsame Einladung der verschiedenen Glaubensgemeinschaften meiner Geburtsstadt gab mir das Gefühl, dass ein bisschen von meinem NS/WS nach Zürich gekommen ist. Das Konzert, welches zusammen von „Open Hearts“ und der Ev. Kirche organisiert wurde, war ein riesiger Erfolg. Die über Tausend Leute im Grossmünster und auch im Fraumünster, wohin das Konzert wegen Platzmangel direkt übertragen wurde tanzten für den Frieden.

Ich möchte wiederum diese Gelegenheit benützen, Euch vielen FreundInnen, die meinem Aufruf nachgekommen sind und mir auf verschiedenste Art und Weise als Türöffner geholfen haben, ganz herzlich danken. Ich bin weiterhin um jede Hilfe dankbar und bin immer noch unter denselben, unten aufgeführten Koordinaten zu erreichen. Falls jemand von Euch Zeit und Lust hätte, sich für NS/WS zu engagieren und mitzuhelfen, wäre ich sehr dankbar, wenn Ihr Euch bei mir melden würdet.

Ich danke Euch für Eure uns so wichtige Unterstützung,

Schalom, Salam

Evi.

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