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No. 24

April 2004, von Evi Guggenheim Shbeta

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Liebe FreundInnen,

Nachrichten aus dem Dorf

Die Gewaltspirale in Israel und Palästina dreht sich ausserhalb unserer Friedensoase immer schneller, und es wird bedrohlicher.

Leider muss ich Euch aber auch von einer Tragödie in unserem eigenen Dorf erzählen: Hagar Edlund (25), eines unserer jüngeren Mitglieder, ist am 17.3.04 unter sehr traurigen Umständen gestorben.

Bedauerlicherweise kennen wir uns mit Katastrophen schon aus. Unser Dorf vereint sich in Trauer und Schmerz wie eine Grossfamilie und die Familie wird durch diese vor Schmerz und Schock unerträgliche Zeit getragen. Hagar war eine der neun Kinder, mit denen wir 1984 die erste binationale, zweisprachige Schule im Nahen Osten eröffneten. Zwei dieser Neunergruppe leben schon nicht mehr: Tom, der 1997 bei einem Helikopterunglück umkam und nun auch Hagar. Eine grausame Statistik für unser kleines Dorf.

Ich habe Euch in den letzten Jahren immer wieder vom Plan berichtet, in unserer unmittelbaren Nachbarschaft ein Dorf für Veteranen der Polizeispezialeinheit für Terrorbekämpfung zu errichten. Dies würde für uns eine existenzielle Bedrohung unseres bikulturellen und binationalen Charakters bedeuten, da der Staat uns dann eine Zusammenlegung der wichtigen Institutionen, wie z.B. des Erziehungswesens, mit diesem Dorf, vorschreiben könnte. Nachdem dieser Plan schon einmal im Jahre 1995 von den zuständigen Behörden verworfen wurde, hat die Regierung Sharon vor ca. 2 Jahren diesen als Regierungsbeschluss bewilligt. Im Februar wurde der Plan jedoch zu unserer grossen Erleichterung vom Komitee für die Nationale Planung verworfen. Das heisst, dass dieses Damoklesschwert für die nahe Zukunft zum Glück von uns genommen ist, heisst aber leider nicht, dass der Plan in Zukunft in einer leicht abgeänderten Form nicht wieder aufgenommen werden kann, da er ja ein Regierungsbeschluss ist. Hoffen wir, dass dieser Plan wieder für immer und ewig in die Schublade verschwindet…..

Schulwesen

Im letzten Brief habe ich Euch berichtet, dass wir im September die erste jüdisch-palästinensische Sekundarschule im Nahen Osten eröffnet haben. Vor 20 Jahren waren wir die Ersten, die eine binationale, zweisprachige Primarschule gegründet haben. Damals galten wir als verrückt, dass wir es wagten, ohne jegliche Unterstützung vom Staat ein solches Projekt zu starten. Wir wollten jedoch auf keinen Fall, dass unsere jüdischen und palästinensischen Kinder - wie es in Israel üblich ist - in getrennte Schulen gehen würden. Die einzige Anerkennung, die wir damals vom Staat hatten, war die Zusage, dass die Eltern nicht wegen Verweigerung der Schulpflicht vor Gericht gestellt würden. Wir mussten jahrelang kämpfen, bis wir vom Erziehungsministerium den Status einer Modellschule bekamen. Heute können wir mit Stolz berichten, dass in Israel schon vier Schulen nach unserem Modell entstanden sind: In Jerusalem, in Galiläa, in Jaffa und in nächster Zukunft auch in Um el Fahem.

Auch heute sagt man uns, wir seien verrückt ohne sichere finanzielle Unterstützung eine Sekundarschule zu eröffnen. Denn auch diesmal können wir in den ersten Jahren keine Anerkennung vom Erziehungsministerium erwarten. Wir wissen jedoch, dass wir keine Chance haben, jemals zu einer Sekundar- und anschliessenden Mittelschule zu kommen, wenn wir diese nicht selbständig auf die Beine stellen und danach, wenn diese schon eine Tatsache sind, uns um die offizielle Anerkennung bewerben. Der Entstehungsweg der Primarschule hat uns dies bewiesen. Nun müssen wir für unsere und für die anderen vier Schulen nach unserem Modell den nächsten Schritt tun, nämlich ein Modell für eine binationale, zweisprachige Sekundar- und Mittelschule entwickeln.

In der ersten Klasse unserer Sekundarschule herrscht unterdessen eine ganz besondere Atmosphäre. Bis jetzt sind die 16 SchülerInnen und deren Eltern sehr zufrieden. Das jüdisch-palästinensische Lehrerteam arbeitet gemeinsam mit einem besonderen Pioniergeist in der Überzeugung, etwas wichtiges Neues zu entwickeln. Das Einzige, was bedrückt, ist die finanzielle Unsicherheit, da wir für die Durchführung dieses Pilotprojektes ganz auf Spenden angewiesen sind.

Friedensschule

Von den vielen verschiedenen Aktivitäten der Friedensschule möchte ich Euch speziell vom „ Runden Tisch für Mütter“ berichten, zu der die Schweiz einen besonderen Bezug hat. A. Nationalrat Francois Loeb, ein langjähriger Freund und Unterstützer unserer Arbeit wollte israelische und palästinensische Mütter zur Friedensförderung zusammenbringen. Da wir in der Friedensschule sehr viel Erfahrung mit Frauenarbeit auf beiden Seiten haben, schlugen wir ihm vor, dieses Projekt durchzuführen. Die Finanzierung dafür kam zum grössten Teil aus dem EDA, aber auch aus der GSI (Gesellschaft Schweiz-Israel, Bern) und anderen Schweizer Spendern.

Trotz der schwierigen Lage ist es uns gelungen, zwei Treffen zwischen den israelischen und palästinensischen Frauen durchzuführen. Die Frauen, die für das Projekt ausgesucht wurden, nehmen alle in jeder ihrer Gesellschaft führende Positionen im sozialen und politischen Bereich ein, sodass sie danach als Multiplikatorinnen in Ihrer jeweiligen Gesellschaft agieren können. Nun wollen wir mit ihnen eine dritte Phase des Projektes durchführen, in dem jede der Frauen ein eigenes Projekt zur Friedensförderung in ihrer Gesellschaft planen und ausführen wird. Diesen ersten „Runden Tisch“ sehen wir als Pilot Projekt und wollen danach mehrere weitere „Runde Tische“ dieser Art durchführen.

Unsere Friedensschule ist in diesen Tagen sehr aktiv. Fast wöchentlich führen wir einen Workshop zwischen Jugendlichen von palästinensischer und jüdischer Seite durch. Wir haben ein Langzeitprojekt mit Literaturlehrern von den Palästinensischen Gebieten und von israelischer Seite, in dem zusammen ein Lehrplan ausgearbeitet wird, um die andere Seite mit der Literatur des jeweils Anderen vertraut zu machen.

Und, und , und…. Leider kann ich Euch im beschränkten Rahmen dieses Nachrichtenbriefes nicht von allen unseren wichtigen und spannenden Projekten berichten….

Für Interessierte führt die Friedensschule vom 20.6.04-2.7.04 einen Internationalen Ausbildungskurs zur Arbeit mit Gruppen im Konflikt durch. Man findet das Anmeldeformular dazu auf unserer Webseite: www.nswas.com (unter school for peace).

Jetzt muss ich Euch noch von unserem Buch „Le Mariage de la Paix“ erzählen: Mein Mann, Eyas und ich wurden von einem franz. Verlag, angefragt, ob wir bereit seien, unsere Geschichte als jüdisch-palästinensisches Paar zu erzählen. Nach einigem Überlegen waren wir einverstanden, da wir dachten, dies sei durch unsere persönliche (Familien) Geschichte eine gute Gelegenheit, die Sicht beider Seiten in einem Buch zu publizieren. Wir beide gehören zu der Gründergeneration von NS/WS und wollten diese Gelegenheit, unsere Friedensarbeit in die Welt hinauszutragen wahrnehmen. In der Beilage findet Ihr die Einladung zur Buchvernissage. Das Buch wird im Herbst im Heyne Verlag auch auf Deutsch erscheinen.

Unsere dreijährige Mission, in der Schweiz und in Europa für unsere Friedensarbeit Unterstützung zu suchen, geht im Sommer zu Ende. Wir freuen uns, zurück in unser Dorf zu ziehen. Ich möchte diese Gelegenheit benützen, mich bei allen, die uns bei dieser Arbeit unterstützt haben, von Herzen zu bedanken.

Manchmal denke ich, dass wer die Nachrichten hier in der Schweiz verfolgt, sich kaum vorstellen kann, dass wir in Neve Shalom/Wahat al Salam Juden und Palästinenser täglich friedlich miteinander leben. Die Medien haben es in sich, dass sie vor allem berichten, wenn etwas Extremes passiert und ein tägliches friedliches Zusammenleben sind eben keine „News“. Deshalb ist es gut, sich immer wieder daran zu erinnern, dass die Konfliktbewältigung zwischen unseren beiden sich bekämpfenden Völkern auch auf eine andere Art möglich ist. Wir leben in einer Zeit, in der die Extremisten das Wort und Werk führen. Diese brauchen sich gegenseitig, um ihre eigene Existenz zu rechtfertigen. Unsere Aufgabe ist es, unermüdlich in mühsamer Ameisenarbeit die Grundlagen auf erzieherischem Weg zu legen, damit wir vom Zeitalter des Extremismus in eine neue Phase der gegenseitigen Akzeptanz und echten Respekts kommen.

Dies können wir dank Eurer Unterstützung tun. Wir danken Euch dafür.

Schalom, Salam

Evi.

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