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No. 26

Mai 2005, von Evi Guggenheim Shbeta

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Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde,

Während der Konferenz in Scharm el Scheich vor ein paar Monaten haben vielleicht einige von Euch an uns gedacht und sich gefragt, ob damit ein Leben in Gleichberechtigung zwischen PalästinenserInnen und Juden/Jüdinnen wie wir es in Neve Shalom/Wahat al Salam leben auch im ganzen Nahen Osten etwas näher rückt. Die Wiederaufnahme von Gesprächen zwischen Israel und den PalästinenserInnen hat bei uns und in der ganzen Welt Hoffnungen auf einen erneuten Friedensprozess erweckt. Ein Abkommen zwischen PolitikerInnen macht jedoch noch lange keinen Frieden zwischen den Völkern. Das Misstrauen und die gegenseitige Angst, die sich in den vielen Jahren des Konflikts angestaut haben, bedürfen jahrelanger intensiver Basisarbeit zur gegenseitigen Vertrauensbildung.

Aus dieser Erkenntnis heraus ist bei uns seit Jahren die Hauptinvestition unserer Energien in unserem Friedensdorf nicht in der Politik sondern in der Basisarbeit der Friedenserziehung. Wir glauben, dass ein Frieden von unten her wachsen muss. Das gegenseitige Vertrauen zwischen verfeindeten Seiten muss langsam in stetiger Arbeit aufgebaut werden. Ansonsten werden Friedensabkommen von PolitikerInnen unterzeichnet, die jedoch kaum von der Bevölkerung wahrgenommen werden. Wenn ein Friedensabkommen nicht von einer breiten Unterstützung zur Vertrauensbildung mit Versöhnungsarbeit und der Anerkennung des Leidens der anderen Seite verbunden ist, dann bleibt es ein Papier ohne Bedeutung. Im Allgemeinen erleichtert eine Atmosphäre der Hoffnung, wie sie jetzt in unserer Gegend wieder vorsichtig erwacht, unsere Friedenserziehungsarbeit und die Bereitschaft, an Workshops der Friedensschule und anderen Annäherungsprojekten teilzunehmen wächst. Es entsteht eine grössere Offenheit, den jeweils Anderen vom verfeindeten Lager zu treffen.

Aus der Friedensschule

Seit Jahren versuchen wir in der Friedensschule unsere Energien so zu investieren, dass unsere Arbeit einen möglichst breit gestreuten, tiefgehenden und nachhaltigen Einfluss hat. So haben in der Jugendabteilung der Friedensschule jedes Jahr hunderte von jüdischen und palästinensischen Jugendlichen die Gelegenheit, unsere Begegnungsworkshops zu besuchen. In der Abteilung der Erwachsenen arbeiten wir mit StudentInnen von israelischen und palästinensischen Universitäten und verschiedenen Berufsgruppen von beiden Seiten.

Die Medien haben in der heutigen modernen Welt einen bedeutenden Einfluss auf die Meinungsbildung und Weltanschauung der Bevölkerung. In einer Konfliktsituation wie z.B. in unserer ist die Neigung vor allem vom Leiden der eigenen Seite zu berichten sehr gross.

Deshalb haben wir beschlossen, ein Projekt mit israelischen und palästinensischen Medienleuten durchzuführen. Unsere Partnerorganisation auf palästinensischer Seite ist das „Center for Conflict Resolution and Reconciliation (CCRR)” in Bethlehem. Dieses Projekt wird wie auch einige andere Projekte der Friedensschule von der EU unterstützt.

Die Ziele des Medienprojektes sind die Folgenden:
- Verbindungen zwischen israelischen und palästinensischen JournalistInnen zu schaffen.
- Das Bewusstsein der TeilnehmerInnen für die Rolle der Medien in unseren jeweiligen Gesellschaften zu fördern um sie dazu zu bewegen, einen fairen Journalismus zu schaffen.
- Die teilnehmenden JournalistInnen dazu zu bewegen, sich mehr für humanistische Werte wie Gleichberechtigung und Frieden zu verpflichten.

In der ersten Phase des Projektes haben wir bedeutende und bekannte JournalistInnen von beiden Seiten gewonnen. Unter anderem auch DozentInnen an den jeweiligen Hochschulen für Journalismus. Diese erste Kerngruppe soll zuerst selber einen Prozess in einem Workshop durchmachen und danach sollen sie als KatalysatorInnen für weitere 110 Medienleute von beiden Seiten dienen. Ausserdem ist es geplant mit DozentInnen and den Journalistenakademien und mit verschiedenen NGOs in diese Richtung zu arbeiten.

Dies ist ein Beispiel von Friedensarbeit mit verschiedenen Berufsgruppen. Das „Mehr-Phasen-Modell“, bei dem zuerst mit einflussreichen und führenden Leuten einer Berufsgruppe gearbeitet wird um danach eine immer breiter werdende Schicht derselben Berufsgruppe zu erreichen hat sich schon mit anderen Gruppen, wie z.B. LiteraturlehrerInnen, GeschichtslehrerInnen und AnwältInnen etc., mit denen wir gearbeitet haben, bewährt.

Aus dem Dorf und den Schulen

Bei uns sind im Moment Frühjahrsferien, das jüdische Volk feiert Pessach, die Moslems den Geburtstag von Mohammad und die ChristInnen Ostern. Es ist bei uns nicht einfach, die Schulferien festzulegen; die Schulleitung gibt sich immer grosse Mühe, allen Religionsgruppen gerecht zu werden.

Die religiösen Feiertage sind in unserer Gemeinde kaum problematisch, sie werden meistens im Rahmen der Familie gefeiert und in der Schule wird gemeinsam darüber gelernt. In zwei Wochen ist der israelische Unabhängigkeitstag, ein paar Tage danach der palästinensische Yom el Naqbah, der Gedenktag an die palästinensische Katastrophe. Dies sind zwei Tage, die sich diagonal entgegenstehen, da dieselben historischen Ereignisse von 1948 für die palästinensischen DorfbewohnerInnen die Katastrophe, den Verlust ihrer Heimat, für die anderen die lang ersehnte Staatsgründung einer Heimat für das jüdische Volk bedeuten. Mit den Jahren haben wir hier im Dorf und in der Schule gelernt, Raum zu schaffen für beide Sichtweisen, für beide historischen Wahrheiten. So organisiert das pluralistisch-spirituelle Zentrum Doumia-Sakina ein öffentliches Podiumsgespräch, an dem ein palästinensischer und ein jüdischer Historiker jeweils seine Sicht der Ereignisse von 1948 hier in NSWAS vorstellen wird. Zu einem Versöhnungsprozess gehört die Anerkennung des Leidens des Anderen. Im politischen Umfeld der israelischen Wirklichkeit ist die schwarz-weiss Malerei zwischen jüdischen und palästinensischen BürgerInnen Israels, und zwischen Israelis und PalästinenserInnen leider immer noch die meist gesprochene Sprache. Mit solchen Aktivitäten tragen wir einen weiteren kleinen Schritt zum Versöhnungsprozess bei.

Während ich Euch schreibe, kommt Mai dazu, die kennt Ihr ja schon, sie hat Euch als Baby „geschrieben“, dann als Erstklässlerin und im letzten Brief als Sekundarschülerin. Nun will sie Euch weiterberichten:

„Ich bin Mai und lebe in Neve Shalom/Wahat al Salam und lerne hier in der Sekundarschule.
Eigentlich bin ich mit der Schule und den Lehrern zufrieden, nur es ist ein bisschen zu klein…
Die Schule hat Jüdische und Arabische Lehrer und wir lernen manche Fächer auf Arabisch und manche auf Hebräisch. Da wir eine kleine Klasse sind die aus 16 Schülern besteht (was Vor- und Nachteile hat) kennen die Lehrer jeden Schüler besser, geben jedem mehr Aufmerksamkeit und teilen uns die Probleme wie Geld, fehlende Schüler und die Frage ob es nächstes Jahr die 9te Klasse geben wird mit.
Sie geben sich Mühe und das ist das Wichtigste!!...

Bis vor Kurzer Zeit, hatten wir (Kinder und Jugendliche) im Dorf keine Freizeitaktivitäten.
Einige Leute vom Dorf hat das gestört: sie sind zusammen gesessen und haben nachgedacht was sie dafür tun könnten. Da kamen sie auf die Idee, alle Kinder und Jugendliche von der ersten bis zur 12ten Klasse sollten sich treffen, um nachzudenken was sie zusammen tun könnten. Das geschah dann jeden Freitag bis wir beschlossen haben ein Parlament aufzubauen und einen Jugendclub einzurichten wo wir unsere Freizeit zusammen verbringen können. Das Geld dafür haben wir von einer Erbschaft aus der Schweiz gekriegt, und ein bisschen von dem das Dorf für uns gespart hat und auch vom Beitrag unserer Eltern. Aber es ist immer noch nicht genug.

Deswegen haben wir am Food Festival das während einem Monat jeden Samstag in Neve Shalom/Wahat al Salam statt fand beim Getränkeverkauf über 2000 Shekel zusätzlich verdient!! Dabei haben auch die Altersgruppen von meinen beiden kleinen Schwestern Nadine und Karin mitgeholfen.
Jetzt sind wir immer noch am Ausbauen..

Liebe Grüsse, Mai Shbeta

P.S: In den Ferien hatten wir Ausflüge mit dem von der Schweizer Freunde gespendetem Bus!!!“

Ja, liebe FreundInnen, das war Mai. Anscheinend hat sie sich schon daran gewöhnt, dass sie Euch auch schreiben darf. Die Freizeitaktivitäten für die Jugend, von denen sie Euch berichtet, sind für die 85 Kinder und Jugendlichen unseres Dorfes sehr wichtig. In der Mittelschule lernen die Kinder in getrennten Schulen und leider nicht mehr in Neve Shalom/Wahat al Salam. Deshalb ist es für uns ein grosses Anliegen, dass sie im Dorf weiterhin gemeinsame Aktivitäten haben, um die Selbstverständlichkeit des täglichen Kontaktes unter den jüdischen und arabischen Kindern und Jugendlichen zu bewahren.

Möge die lang ersehnte vorsichtig rückkehrende Hoffnung auf den Frieden stetig wachsen.

Wir tun unser bestes, um sie zu verwirklichen und sind Euch für jede Unterstützung dafür sehr dankbar.

Aus Neve Shalom/Wahat al-Salam sende ich Euch die besten Grüsse für

Shalom, Salam, Frieden

Evi.

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